Von Chaim Noll, Israel
Die Idee des shabat ist die denkbar einfachste. Dennoch kostet es Überwindung und Mühe, ihr zu folgen. Gerade heute, da der Rummel unseres Lebens, der Lärm unserer Maschinen niemals unterbrochen werden, die Lichter unserer Hochhäuser niemals erlöschen, immer und überall ein Auto, ein Flugzeug zu hören ist, jederzeit Strom durch die Leitungen fließt. Wir sind stolz darauf, dass unsere Städte „niemals schlafen“, dass wir „rund um die Uhr“ tätig und geschäftig sind. Die Rastlosigkeit, das Nicht-Ruhen-Können gehört zum Selbstverständnis unserer Zivilisation.
Insofern hat der Ruhetag shabat, so alt seine Einrichtung ist, gerade heute etwas Sensationelles. Dieser älteste jüdische Feiertag verlangt von denen, die ihn begehen, die Einstellung aller produktiven Arbeit für vierundzwanzig Stunden. Er verlangt, Maschinen abzuschalten, Geräte, Instrumente und Geld nicht zu berühren, alle Geschäfte ruhen zu lassen. Überhaupt für vierundzwanzig Stunden alles zu lassen, wie es ist. Er mutet modernen Menschen zu, weder das Auto noch andere Bewegungsmittel zu benutzen und stattdessen zu Fuß zu gehen. Er verbannt Telefon, Computer und Fernseher einmal pro Woche, für vierundzwanzig Stunden, aus dem Leben derer, die glauben, ohne diese Dinge nicht leben zu können.
Erlaubt sind Tätigkeiten, die der unmittelbaren Bewahrung menschlichen Lebens dienen – ein krankes Kind ins Krankenhaus fahren, ein Feuer löschen, eine Waffe tragen, um die Grenzen seines Landes zu schützen. Über Jahrhunderte haben die Rabbiner alle denkbaren Situationen bedacht und ein System von Regulierungen ausgebaut, damit ein solcher Tag der Ruhe, des Geschehenlassens nicht zur tödlichen Falle wird. Erlaubt ist alles, was zur Shabat-Feier nötig ist, zur Erhöhung dieses Tages über die sechs anderen: Essen und Trinken, Lieben und Lesen, Singen und Scherzen. Dafür hat alles Profane, alles Gewinnbringende, alles zum Leben der Woche Gehörende zu ruhen.
Mit dem großen Innehalten soll die Schöpfung geehrt werden, die Welt wie sie ist, das Werk des Schöpfers. Denn der Schöpfer selbst, der Gott der Bibel, unterbrach am siebten Tag seine Arbeit und nahm sich die Muße, sein Werk zu betrachten: „So waren vollendet Himmel und Erde und alle, die sie bevölkerten“, heißt es im 1. Buch Mose 2,1, „Und Gott hatte am siebenten Tag sein Werk vollendet, das er geschaffen, und er ruhte am siebenten Tag von allem, was er getan. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte Gott von seinem Werk.“
Die Idee des Innehaltens, der Unterbrechung, der Ruhe. Die Idee der Muße, der Meditation. Des Nachsinnens und Reflektierens über das, was man in den sechs Tagen davor getan hat. Die Idee des Aufatmens, der Erholung. Als dieser Ruhetag eingeführt wurde, bedeutete er eine Revolution. Er war die erste humane Erleichterung für alle, die arbeiteten. Er bezog die Familie mit ein, das ganze Haus, auch die Unfreien, die Tagelöhner und Sklaven, sogar die Tiere. Wie es im Shabat-Segen heisst: „…sollst du keinerlei Arbeit verrichten, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, noch dein Knecht oder deine Magd, noch dein Vieh, noch der Fremde, der sich in deinen Toren aufhält.“
In antiken Gesellschaften, die weitgehend auf Sklaverei errichtet waren, bedeutete das Einbeziehen der Knechte, Mägde, Sklaven und Fremden in das Ruhegebot des siebten Tages nicht nur eine aktuelle Pause zum Atemholen, einen Akt der Schonung und Barmherzigkeit, sondern eine erste symbolische Gleichstellung dieser Rechtlosen mit den Besitzenden. Schon von daher ist der shabat ein Symbol: er betont das biblische Konzept der Gleichheit aller Menschen vor dem Schöpfer. Wie auch immer unsere Situation innerhalb der menschlichen Gesellschaft sein mag, ob wir reich oder arm, frei oder unfrei sind, an diesem einen Tag gleichen wir uns alle, indem wir ruhen, indem wir uns der Schöpfung erinnern und sie feiern, indem wir unsere Gleichheit vor Gott zelebrieren, die höhere Wahrheit unserer menschlichen Existenz.
Schon in der Antike wurde daher die Einrichtung des shabat bekämpft oder wenigstens – wo sie der Gesetzgeber erlaubte wie im Römischen Reich – von den Mächtigen attackiert. Der römische Philosoph Seneca, einer der reichsten Männer Roms, spottete über die Juden: durch Einhalten des shabat büssten sie ein Siebtel ihrer Zeit, ihrer Geschäfte und Gewinne ein, woran man sehen könne, wie wenig geschäftstüchtig sie sind. Was ihn in Wahrheit beunruhigte, war das Beispiel, das der jüdische pater familias gab, indem er dem biblischen Gebot folgte und am shabat auch seine Sklaven ruhen ließ. Falls das Beispiel Schule machte, verloren die Besitzer von Sklaven ein Siebtel ihrer Einnahmen. Schlimmer noch: die symbolische Gleichstellung von Herren und Sklaven gefährdete das gesamte System.
Mit dem shabat wurde eine unwiderstehliche Idee in die Welt gesetzt, die Idee der Freiheit. Sie ist ein Gebot des biblischen Gottes, symbolisiert in der Institution des freien Tages. Doch es obliegt uns Menschen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Freiheit verwirklicht wird. Wir tun es – so paradox es klingen mag – indem wir ein Gesetz einhalten, ein Ritual erfüllen. Freiheit und Gesetz bilden ein dialektisches Paar: erst durch ihr Gegenüberstehen, ihr Zusammenwirken wird die Freiheit menschenmöglich und das Gesetz human.
Der shabat beginnt seit mehreren Jahrtausenden jeden Freitag bei Einbruch der Dunkelheit und endet am Samstagabend, sobald drei Sterne am Himmel erscheinen. Da das Entfachen eines Feuers zu den verbotenen Arbeiten gehört, wird vor dem shabat ein Licht angezündet, das die nächsten vierundzwanzig Stunden brennen soll, ner shel shabat, das Shabatlicht. Seit Jahrtausenden geschieht am Freitagabend überall in der Welt, wo Juden den Ruhetag einhalten, das gleiche: die Frau des Hauses zündet die Lichter an und segnet sie. Später spricht der Mann den Segen über Wein und Brot für das festliche shabat-Essen. Wo eine Synagoge ist, geht die Familie zuvor dorthin zu einem besonderen Gebet, kabalat shabat, wörtlich Empfang des shabat.
Das Anzünden der Lichter, das Lesen uralter, erinnerungsträchtiger Texte, das Singen von Liedern, das Essen im Familienkreis, eingeleitet mit Wein und süßem Brot, heben die Stimmung im Lauf des Freitag Abend, lassen auch den Ärmsten, von Sorgen Gedrückten für einige Stunden allen Kummer, alle Mühsal seines Lebens vergessen. Auch dies eine Form der Befreiung. Der shabat beginnt schon einige Stunden zuvor, mit dem Backen des shabat-Brotes, dem Zubereiten der Speisen, dem Anlegen festlicher Kleider. Allmählich weichen die Probleme des Alltags einer Stimmung von Vorfreude und Erwartung. Seit Jahrtausenden. Wer den shabat begeht, weiß sich nicht nur mit denen verbunden, die es überall in der Welt tun, auch mit all jenen, die es vor uns taten und nicht mehr sind, und die es nach uns tun werden und sich unserer erinnern. Sachor et jom ha shabat, beginnt der shabat-Segen, Erinnere dich…
Es hat mich Jahre gekostet, bis der shabat Bestandteil meines Lebens geworden ist. In meiner Familie wurden Rituale und Feste als altmodisch angesehen und vergessen. Erst in Rom, wo wir einige Zeit lebten, haben wir uns angewöhnt, am Freitagabend zur Synagoge zu gehen. Die Vor-shabat-Stimmung, die dort herrschte, das Gewimmel der Kinder und Erwachsenen, die Heiterkeit, die den großen, von einer Kuppel überwölbten, von Palmen umstandenen Tempel am Tiber-Ufer erfüllte, war bezaubernd. Wenn das alte Lied Lecha dodi gesungen wurde, eine Komposition von Rabbi Shlomo Ha Levi Alkabez aus dem 16.Jahrhundert, flogen die großen Flügeltüren nach Osten auf, wandten sich alle, die in der Synagoge waren, in ihre Richtung und blickten hinaus in den blauen Nachthimmel, als käme wirklich von dort, wie im Lied besungen, die Prinzessin shabat.
Allmählich ergriff die Idee des shabat von mir Besitz, die Idee der rhythmischen Pause, die Idee der Ruhe, des Abstand-Nehmens, des Geschehenlassens, des aus dem Alltag Herausgehobenen, des Besonderen und Festlichen. Wie die meisten Menschen unserer Tage verbringe ich die Woche in Eile und Geschäftigkeit, wie die meisten finde ich kaum Zeit, einen ruhigen Gedanken zu fassen. Unser Leben ist unterhaltsam und von erschütternder Betriebsamkeit. Wir sind immer glücklich abgelenkt. Das, worüber wir eigentlich nachdenken müssten, schieben wir auf, bis es zu spät ist.
In Wahrheit bedeutet der shabat keine Einbusse, sondern einen Gewinn. Auch diese Erfahrung muss periodisch erlebt werden: der Segen des Verzichts. Indem ich einen Tag in der Woche nicht tue, was mir Nutzen bringt, Vorteil und Gewinn, indem ich einen Tag aussetze, indem ich alles so lasse, wie es ist, finde ich zurück in Bereiche des Seins, die ich vernachlässigt habe, die zu verkümmern drohen. Einst als Kind habe ich mir die Zeit genommen, einem Gedanken so lange nachzuhängen, bis er zu etwas Neuem, Noch-nie-Gedachten führte. Ich habe die Inspiration des Augenblicks gekannt und das Erstaunen über die Schöpfung.
Am Samstag selbst, dem Tag des shabat, geschieht nicht viel. Wieder gehen wir zur Synagoge, um den Wochenabschnitt der Torah zu lesen, gehen zurück, langsam, zu Fuß, sprechen den Segen über Brot und Wein, genießen eine weitere Mahlzeit. Erinnern uns, indem wir den Segen sprechen, an das stille, ewige Wunder des Brotes und des Weins: wie sie aus dunkler Erde emporwachsen, wie sie schon vor uns da waren und ohne uns, gleich der Welt, die uns umgibt. Dass nicht wir diese Welt gemacht haben, dass sie uns nicht gehört. Dass wir ihr Schaden zufügen mit unserem Niemals-Ruhen. Dass wir sie zerstören, wenn wir nicht endlich lernen zu lassen, zu verzichten.
Wer den shabat einhält, weiß, welcher Kraftquell er ist, welche Inspiration. Nicht nur, weil man endlich dazu kommt, einen Gedanken zu Ende zu denken, in Ruhe ein Gespräch zu führen und in all die Bücher, die man lesen wollte, wenigstens hineinzuschauen. Nicht nur wegen der Stunde Schlaf am Nachmittag, die man dringend nötig hatte, nicht nur, weil man endlich ein paar Stunden für die Kinder findet, für die Liebe, für einen Spaziergang. Sondern auch, weil dieses rituelle Nichtstun und Sich-Besinnen, dieses Unterbrechen und Aufblicken den Abstand zum eigenen Dasein schafft, ohne den wir nicht überleben können.
Juden haben den shabat gehalten, seit er in den Mosaischen Büchern geboten wurde, seit Tausenden von Jahren. Sie taten es in guten und schlechten Zeiten, im eigenen Land und im Exil, in Glanz und Elend. Shabat-Feiern wurden gehalten in den Trümmern Jerusalems am Ende der Woche, als der Tempel fiel. Shabat-Feiern gab es im Warschauer Ghetto. Shabat-Feiern gibt es heute in den Luftschutzbunkern in Israel. Wie immer die Lage sein mag, uns wurde geboten, den shabat festlich zu begehen, uns der Schöpfung zu erinnern, die Welt zu lieben, wie sie ist. Der shabat symbolisiert ihren Zyklus von Auf und Ab, Wachsen und Vergehen, Geburt und Tod. Der siebte Tag ist ein Ende, ein Niederlegen und Verzichten. Auf ihn folgt ein neuer Tag, ein Aufstehen und neues Beginnen.
© CHAIM NOLL, 2007/2024
