Kommentar von Haïm Ouizemann, Israel, zur Paraschat Beschalach: 2. Mose 13, 17 – 17,16
Die Paraschat Be’Schalach beschreibt die heroische Durchquerung des Schilfmeers durch die Kinder Israels, während sie von den Truppen Pharaos verfolgt wurden. Das „Lied vom Meer“ (Schirat Hajam), das vom gesamten Volk Israel angestimmt wurde gehört zu den berühmtesten Gesängen der Tora gehört. Das Lied drückt keineswegs Freude über den Tod der Feinde aus, die in den Fluten versanken. Vielmehr ist es Ausdruck der tiefen Siegesgewissheit, die durch die Allmacht des Heiligen, gepriesen sei Er, errungen wurde. Dennoch kann diese Freude nicht vollkommen sein, solange die Erinnerung an Amalek, den historischen Erzfeind Israels, nicht von der Erde getilgt ist.
«Danach sprach der HERR zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in das Buch und lege es in die Ohren Josuas, dass Ich die Erinnerung an Amalek vollständig unter dem Himmel auslöschen werde.» (2. Mose 17:14)
Welches „Buch“ ist in diesem Vers gemeint?
Nachmanides (Ramban) kommentiert „Schreibe dies zum Gedenken in das Buch“ wie folgt:
«Rabbi Abraham (Ibn Ezra zu 2. Mose 17,14) sagte, dies sei ein bekanntes Buch, nämlich das ‚Buch der Kriege des Ewigen‘ (4. Mose 21:14), in dem die Kriege verzeichnet sind, die Gott für seine Getreuen führte… Doch seine Worte sind inkorrekt. Die richtige Interpretation in meinen Augen ist, dass ‚im Buch‘ auf das Buch der Tora anspielt… Es bedeutet: Schreibe dies in das Buch Meiner Tora, damit die Kinder Israels sich daran erinnern, was Amalek getan hat… Und dies ist das Gebot, das uns im Deuteronomium geschrieben steht: ‚Gedenke dessen, was Amalek dir getan hat‘ (5. Mose 25,17).»
Diese These des Ramban wird durch den Kommentar von Sforno (1473–1549) gestützt: «Schreibe dies zum Gedenken in das Buch – dies bezieht sich auf die Paraschah Sachor (5. Mose 25:17-19)».
«Denke daran, was Amalek dir getan hat auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt. Wie er dir auf dem Weg unerwartet entgegentrat und deine Nachzügler hinterrücks überfiel als du müde und erschöpft warst, denn er fürchtete Gott nicht. Und wenn nun der HERR, dein Gott, dir Ruhe verschafft hat vor all deinen Feinden ringsum (…), dann sollst du die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auslöschen. Vergiss es nicht!» (5. Mose 25:17-19)
Das Gebot, «das Andenken Amaleks unter dem Himmel auszulöschen», unterteilt sich in drei spezifische Anweisungen, die aus dem 5. Buch Mose abgeleitet sind:
- Gebot (Mitzwat Asseh): Das mündliche Gedenken an das, was Amalek uns angetan hat.
- Verbot (Mitzwat Lo Ta'asseh): Das Verbot, seine Taten im Herzen zu vergessen.
- Gebot (Mitzwat Asseh): Die physische Tilgung der Erinnerung an Amalek aus der Welt.
Die Aktualität des Gedenkens
In diesem Jahr fällt dieser Kommentar zur Paraschat Haschawua exakt auf die Woche des Internationalen Holocaust-Gedenktags, wo weltweit der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (27. Januar 1945) gedenkt wird. Nach Angaben von Yad Vashem wird geschätzt, dass zwischen 1940 und 1945 von den sechs Millionen ermordeten Juden fast eine Million allein in Auschwitz ihr Leben verloren.
Zudem fällt in dieselbe Woche die Rückführung der sterblichen Überreste der noch vermissten israelischen Geisel Ran Gvili sel. A., der am 7. Oktober 2023 von Hamas Terroristen ermordet wurde.
Die Verbindung zwischen der NS-Ideologie und der Hamas
Welche Verbindung besteht zwischen der Ideologie der Nationalsozialisten und jener der Hamas – einer Terrororganisation, die aus der 1928 von Hasan al-Banna gegründeten Muslimbruderschaft hervorging?
Der gemeinsame Nenner zwischen dem Dritten Reich und der Hamas liegt in ihrer genozidalen Ideologie, die auf die totale und endgültige Vernichtung jüdischen Lebens und jeder souveränen Präsenz eines jüdischen Staates abzielt. Aus diesem Grund setzt die jüdische Tradition Hitler, Hasan al-Banna und Jahya Sinwar mit der Gestalt Amaleks gleich. Das iranische Regime, das in seinem Wesen virulent antizionistisch ist, bildet in dieser genozidalen ideologischen Verwandtschaft keine Ausnahme.
Hasan al-Banna entwickelte eine Vision, die von gewalttätiger Feindseligkeit gegenüber dem Zionismus und den Juden geprägt war, indem er radikaler Islamismus, arabischer Nationalismus und zahlreiche NS-Einflüsse vermischte. Bereits 1937 pflegte er Kontakte zum Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini (einem Verbündeten der Nazis), und teilte dessen apokalyptische Rhetorik, nach welcher die Juden „ewige Feinde“ seien, die es zu vernichten gelte.
Geschichtsrevisionisten, die subtiler vorgehen als Holocaustleugner, versuchen die Zentralität der Schoa (sechs Millionen ermordete Juden) zu relativieren, indem sie sie als nebensächlichen Aspekt des Krieges darstellen, und so das Ausmaß des industriellen Völkermords minimieren.
Die Besonderheit Amaleks in der Geschichte
Was unterscheidet Amalek von anderen Weltreichen und Zivilisationen, die versuchten Israel zu vernichten? Amalek zeichnet sich vor allem durch seinen beharrlichen Hass aus, der sich durch alle Epochen der Geschichte Israels zieht:
- Refidim (2. Mose 17): Der erste Angriff in der Wüste Sinai, gezielt gegen die Schwächsten und Nachzügler.
- Sünde der Kundschafter (4. Mose 14:45): Amalek schlägt Israel zusammen mit den Kanaanitern bei Horma.
- Zeit des Richters Ehud (Richter 3:12-13): Amalek, Moab und Ammon erobern die Palmenstadt (Jericho).
- Zeit Gideons (Richter Kap. 6+7): Amalek und Midian verwüsten das Jesreel-Tal.
- Samuel (1. Samuel 15): Befehl an König Saul, Amalek vollständig zu vernichten. Saul verschont Agag und verliert daraufhin seine Königsherrschaft.
- David in Ziklag (1. Samuel 30): Die Amalekiter brennen Ziklag nieder. David besiegt sie und befreit seine Frauen.
- Hiskia (1. Chronik 4:43): Vernichtung der letzten Überreste Amaleks am Berg Seir.
- Haman (Megillat Ester): Ein Nachfahre Agags, der die totale Vernichtung („Endlösung“) aller Juden plant.
«Und es wurden Briefe durch die Eilboten in alle Provinzen des Königs gesandt, um alle Juden zu vernichten, umzubringen und auszurotten, vom Knaben bis zum Greis, Kinder und Frauen, an einem Tage (…), und um ihre Habe zu plündern.» (Ester 3:13)
Die Quelle der Kraft: „Jadaw Emuna“
Indem Amalek versucht, Israel zu vernichten, zielt er darauf ab, den Namen des Ewigen von der Erde zu tilgen. Daher entspringt die Kraft Israels gegen Amalek der Treue zur göttlichen Vorsehung, bezeugt durch die erhobenen Hände Moses. Der hebräische Ausdruck „Wajehi Jadaw Emuna“ (üblicherweise übersetzt als „seine Hände blieben fest“) kann auch als „seine Hände [seine Macht] sind Glaube“ an die göttliche Vorsehung interpretiert werden. Es ist diese Verbundenheit mit dem Ewigen, die Israel die Stärke des Schwertes verleiht – wie wir es im Sieg Israels über die Hamas nach den Massakern vom 7. Oktober 2023 erleben.
«Da jedoch die Hände Moses schwer wurden, nahmen sie einen Stein und legten den unter ihn, und er setzte sich darauf. Dann stützten Aaron und Hur seine Hände, der eine auf dieser, der andere auf jener Seite. So blieben seine Hände fest (Emuna), bis die Sonne unterging. Und Josua besiegte Amalek und sein Kriegsvolk mit der Schärfe des Schwertes.» (2. Mose 17:12-13)
Schabbat Schalom!
Haim Ouizemann
